Hypothesen zu den Ursprüngen der Sehnsucht von BDSM

Ein Forenbeitrag, den ich auf Joy veröffentlichte, leider löschte ihn ein Moderator und so würde ich mich sehr  freuen, wenn sich hier einige am Gespräch dazu beteiligen möchten:

Hallo alle zusammen,

ich möchte für alle diejenigen, denen es ein Bedürfnis ist, die eigenen (und vielleicht auch bei anderen), tiefen psychologischen Hintergründe, der Sehnsucht BDSM zu leben, ein paar Hypothesen in den Raum stellen, eine Diskussion anregen aber auch mein Bild, meiner bisherigen Hypothesen, damit vielleicht vervollständigen, erweitern und weitere Denkinspirationen für mich daraus schöpfen.

Vorab möchte ich sagen, dass ich weiß, dass es einige einfach nur leben, vielleicht auch ihre Hintergründe gar nicht wissen wollen und ich das ebenso völlig in Ordnung finde, weil das jeder für sich selber entscheiden muss, wie viel er über sich und die möglichen Tiefen seiner natürlichen Geschichte wissen möchte.

Kurz zu mir: ich bezeichne mich immer noch als Greenhorn, denn ich entdeckte meine Sehnsucht, meine devote Seite leben zu wollen, erst im Sommer 2015 wirklich. Ich arbeite viel im psychologischen Kontext und schon alleine aus meiner „Berufskrankheit“ heraus, bin ich selber mein allerliebstes Analyseobjekt. Ich habe das große Glück, dass ich in meinem ersten Herrn einen Menschen fand, der dieses Interesse des psychologischen Analysierens absolut mit mir teilt. Mit ihm habe ich im letzten Sommer eine Reise angetreten in die tiefen meiner Geschichte, durch einige Tränenländer und wieder hinaus, mit insbesondere emotionalen Erkenntnissen meiner Selbst, die mich und mein Leben auf wundervolle Weise veränderten. Parallel habe ich hier einige tolle Menschen (w&m) zum Freund gewonnen, die mir auch viel über ihre Geschichten erzählten, womit ich immer wieder Inspirationen gewann, die meine Hypothesen erweiterten.

So, nun beginne ich erst mal ganz provokant, was ich aber gleich relativieren werde und zwar stelle ich die Hypothese in den Raum, dass der Ursprung unserer Sehnsucht, egal ob jemand den devoten Part oder den dominanten Part lebt, ein Missbrauch in der Kindheit ist.

Uhhhh ich fühle regelrecht beim Schreiben dieses Satzes, wie gerade einige wahrscheinlich kurz davor sind, vielleicht in die Luft zu gehen… bitte bitte atmet nochmal kurz durch und lest erst mal weiter…

…denn, ich habe absichtlich erst mal kein Adjektivwort vor den Missbrauch gestellt! Was wir alle kennen, bzw. wissen, was gemeint ist, ist der sexuelle und körperliche Missbrauch und auch wenn es hier in Joy einige Menschen gibt, die das tragischer weise erlebt haben, möchte ich genau die Arten von Missbrauch hier heute nicht in den Fokus setzen! …denn es gibt noch weitaus mehr Arten von Missbrauch.

Was meine Hypothese angeht, möchte ich hier heute den emotionalen Missbrauch im Fokus betrachten. Doch noch ein Aspekt kurz zuvor. Noch vor dem Sommer definierte ich zugegebener Maßen Missbrauch allgemein, als etwas, was mit Absicht oder Vorsatz geschehen ist, nach dem letzten Sommer und einigen Recherchen in meiner Geschichte und der Literatur, betrachte ich es nun anders, nur bezogen auf den emotionalen Missbrauch. Heute denke ich, dass dieser durchaus völlig unbeabsichtigt sein kann und es viel öfters als wir ahnen oder uns bewusst ist, geschieht, denn unsere Eltern haben auch ihre Geschichten, aus denen sie oft auch unbewusst handeln.

Für alle die sich diesbezüglich nicht gut auskennen, möchte ich hier erst mal einiges zur Definition sagen und einige Beispiele geben. Kurz und recht frei formuliert, möchte ich emotionalen Missbrauch als eine oder viele Situationen in der Kindheit/Jugend beschreiben, in der das Kind/der Jugendliche emotional völlig überfordert war. Um es besser zu verstehen, versucht euch, soweit es geht, doch mal kurz von eurem emotionalem Erwachsen sein, was durch eure Erfahrungen gewachsen ist, emotional zu distanzieren und euch in das Fühlen eines Kindes hinein zu versetzen, wenn ihr nun ein paar völlig unterschiedliche kurz angerissene Beispiele lest:

Stellt euch z.B. ein Kind vor was oft Sätze hört wie „Aus dir wird ja nie was“, „Jetzt streng dich doch mal an“, „Stell dich nicht so an“, „Du störst“, “Wie blöd kann man eigentlich sein?”, “Spinnst du?”, “Du Heulsuse”, „Du bist fett. Du bist dumm. Du bist hässlich.“, etc.. Stellt euch ein Kind vor, das erniedrigt, eingeschüchtert oder abgewertet wurde, ein Kind, das Ablehnung erfährt. Oder ein Kind dass durch eine familiäre Situation, z.B. schwer erkrankter Elternteil, sehr schnell in der Erwartung steht, erwachsen zu handeln, für ein Eltern oder Geschwisterteil mit zu sorgen, den Kampf gegen eine schwere Krankheit eines Elternteils, welche zum Tode führt, hilflos miterlebt…. Oder ein Kind, dessen Eltern, bedingt durch ihre eigenen Geschichten, nicht in der Lage sind emotionale und oder körperliche Liebe zu zeigen….. Ein Kind, was in den Scheidungskampf seiner Eltern mit rein gezogen wird oder auch nur in alltägliche Streitigkeiten dieser…. Oder ein Kind, das durch spezifische Merkmale wie z.B. rote Haare, außergewöhnliche Allergien, Behinderungen und ähnliches, ganz schnell von anderen Kindern zum Sonderling abgestempelt wird und hilflos in die Rolle des Außenseiters kommt und keine Unterstützung von seinen Eltern erfährt…. und tausende von ähnlichen Situationen geschehen Tag täglich… nicht jedem, nicht allen, aber einigen… und diese hinterlassen ihre Spuren in unseren Seelen.

Solche Erlebnisse könnten unterschiedlichste Gefühle bei einem Kind/Jugendlichen hervorrufen wie z.B. Hilflosigkeit, Angst, Verzweiflung, Machtlosigkeit, Wut, Hass, das Gefühl nichts wert zu sein, niemandem zu genügen, nicht der Liebe würdig zu sein, wertlos zu sein usw.. Aus diesen Gefühlen heraus resultieren im Laufe der Entwicklung bewusste und unbewusste Entschlüsse in Abhängigkeit von dem individuellen Gesamtkontext in dem ein Mensch aufwächst, eventuell auch mit durch seine Genanlagen mit beeinflusst. Der eine trägt zum Beispiel, vielleicht unbewusst, das ewige Gefühl nicht der Liebe wert zu sein in sich, der andere beschließt bewusst, nie wieder die Kontrolle abgeben zu wollen. Ich vermute, dass genau in der Entwicklungsphase, in der aus Erlebtem Resultate bewusst oder unbewusst gezogen werden, der Grundstein für eine eher devote oder dominante Persönlichkeit entsteht, gleichzeitig aber auch in der Unterscheidung unseres alltäglichen Lebens, unseres emotionalen Lebens und unseres körperlich erotischen Leben, was ja durchaus oft im extremen Kontrast stehen kann.

Bis zu dieser Stelle haben sich in meiner Einschätzung meine Selbst- und Umfeldforschungen relativ fundiert. Nun stehe ich an einem Punkt, an dem ich mir noch nicht alles so klar erklären kann und sich meine Hypothesen auch sehr viel mit Fragen vermischen werden.

Auch wenn ich im alltäglichen eher relativ dominant agiere, mein Gefühlsleben sich oft zwischen Selbstsicherheit und Unsicherheit hin und her bewegt, erregt mich kaum etwas mehr, als meinen devoten gefundenen Kern leben zu dürfen, hinein geführt zu werden, zu knien, gefesselt zu sein, mich zu unterwerfen, meine Hilflosigkeit zu genießen, mich auszuliefern und mich hinzugeben. Also theoretisch begebe ich mich ja damit im heute freiwillig und absolut gewollt, zurück in emotionale Situationen meiner Kindheit, in denen ich damals völlig überfordert war und die für mich als Kind mit Sicherheit nicht schön waren.

Auch wenn ich schon so weit bin, dass ich es akzeptieren kann, dass es so ist, stellt sich für mich immer wieder, die mich wirklich amüsant verwirrende Frage, warum erregt mich das so tierisch???

So wirklich kann ich mir diese Frage noch nicht beantworten….?

Nach Antwort suchend, warum mich BDSM generell fasziniert, auch im ständigen sehr offenen Gespräch mit meinem Herrn, sind unter anderem bisher zwei noch etwas schwammige Hypothesen entstanden.

Die eine Hypothese ist, dass ich mich danach sehne, noch tiefer in mich hinein zu sehen, Geheimnisse zu lüften, Erinnerungen hoch zu holen, sie im heute und jetzt anders zu verarbeiten und mich damit Stück für Stück ein klein wenig mehr zu heilen. Diesen Weg bin ich schon eine Weile gegangen, was mir sehr geholfen hat und zu wertvollen emotionalen Veränderungen führte, also einen Teil der Frage beantwortet es für mich….

Ein weiterer Hypothesenansatz ist, dass ich mich heute freiwillig, relativ kontrollierbar, da hinein begebe und in meinem Herrn, insbesondere in seinem Auffangen und seiner Liebe zu mir, das erlebe und bekomme, was mir damals als Kind unendlich gefehlt hat, also damalige große Defizite im heute nach und nach auffülle, alte Erfahrungen gefühlsmäßig mit neuem überschreibe. Ich vertraue ihm tiefer als je jemand zuvor, ich zog mich nicht nur aus, ich zog meine Seele vor ihm aus. Er kennt und liebt all meine manchmal so kontrastreichen Facetten meiner Persönlichkeit. Meine Tränen sind Geschenke für ihn, meine Liebe und meine Lust im gleichen Maße. Er kommt mit all meinen Ecken und Kanten klar, weil er sie im Kontext versteht. Und er erzählte mir auch genauso seine Geschichte, was insgesamt ein tiefes Band entstehen ließ, was ich in der Form nie zuvor verspürte.

Nur für mich selbst betrachtet ist an beiden meiner letzten Hypothesen viel dran, für euch vielleicht auch oder auch gar nichts? Ich bin hochgradig neugierig, wie ihr meine Hypothesen betrachtet, ob ihr euch teils oder auch sehr viel wiederfindet oder auch gar nicht… ob ihr noch völlig andere Hypothesen habt… und und und…

Als Gesamtfazit für mich (jeder nach seiner Fasson!) ist BDSM leben, etwas was ein unglaubliches Entwicklungspotential am Wachstum unserer Persönlichkeit, unseres Seins und insbesondere unseres Glücklich Seins haben kann.

Danke, dass ihr durchgehalten hab, sooooooooooooooooo viel zu lesen…. *anbet*

Freue mich auf euer Feedback….

 

Viele Grüße von der Literaturfee

 

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